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02.10.2014

Wenn die Stadt Stress hat - Urbanes Krisenmanagement

Nachlese zum 73. Treffpunkt WissensWerte an der Lise-Meitner-Schule


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Blitzschlag, Starkregen, Unfälle, Terroranschläge - viele Katastrophen können eine Stadt wie Berlin unvermittelt treffen. Einwohner und Infrastruktur müssen geschützt werden. Und es muss nicht gleich ein terroristischer Anschlag sein, der die Stadt betrifft, auch ein „Weltuntergang“ mit Starkregen, vollgelaufenen U-Bahnschächten und einem Blitz, der ins Kraftwerk oder ein großes Umspannwerk einschlägt, legt die Stadt lahm. Der Strom ist weg. Was passiert? Wer ist der erste, der reagiert, wer redet dann mit wem, wenn die Stadt Stress hat?

Mangelverwaltung im Katastrophenfall

„Man muss sich darüber im Klaren sein, in dem Augenblick, wo wir eine solche Schadenslage haben, verwalten wir den Mangel“, sagt Landesbranddirektor Wilfried Gräfling.
Unwetter gab es schon öfter, extreme Wetterereignisse werden infolge des Klimawandels zunehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Energieversorgung länger zusammenbricht, steigt. Das heißt Ausnahmezustand für die Berliner Feuerwehr, so Gräfling.
„Wir alle sind dann in der Pflicht, Prioritäten zu setzen. Und deswegen ist es wichtig im Fall des Katastrophenschutzes, dass von Senatsebene unter Leitung des Innensenators gesagt wird: Da setzen wir unsere Schwerpunkte“.
Denn beim Innensenator wird ein Krisen-Koordinierungsstab gebildet. Bei Klaus Zuch, dort Abteilungsleiter für Sicherheit, laufen dann alle Fäden zusammen.
„Wir können uns in Berlin darauf verlassen, dass wir mit der Berliner Feuerwehr nicht nur die größte Berufsfeuerwehr in Deutschland vor Ort haben sondern auch eine professionell ausgebildete und ausgestattete“, lobt Zuch die Profis. Aber auch die freiwilligen Hilfskräfte sind entscheidend. „Wir können uns darauf verlassen, dass die Hilfsorganisationen, die gerade im Katastrophenschutz eine große und unterstützende Rolle spielen, hier gut aufgestellt und vertreten sind“.
Mehrere tausend Einsatzkräfte sowohl der Berufsfeuerwehr als auch der freiwilligen Wehren und Helfer der Hilfsorganisationen stehen im Katastrophenfall bereit, das Leben in der Stadt aufrecht zu erhalten.

Bei Stromausfall wird es wirklich dunkel

Für Feuerwehrchef Gräfling wäre der längere Ausfall der Stromversorgung der Super-Gau.
„So ein Stromausfall macht mir viel mehr Sorgen, wenn er nämlich flächendeckend und lang anhaltend ist, dann mach ich mir Sorgen, wie verhält sich die Bevölkerung?“
Denn Gräfling ist überzeugt, dass sich niemand in der Stadt wirklich vorstellen kann, was es heißt, lange ohne Strom zu sein. „Es ist dunkel. Es ist wirklich dunkel“.
Nach wenigen Tagen geht in der Stadt nichts mehr – keine Krankenversorgung, kein Gefrierschrank, kein Licht, kein Wasser und Abwasser, kein Verkehr, keine Kommunikation, keine Lebensmittelversorgung: Das Chaos bricht aus. Nehmen sich die Menschen mit Gewalt, was sie brauchen, wie in Marc Elsbergs Krimi „Blackout“? Und wie sieht es mit der Notstromversorgung von Krankenhäusern, Behörden, Rundfunkanstalten nach ein paar Tagen aus?
Was geschieht, wenn die U-Bahn kein Strom mehr hat? Dann habe man noch für etwa 30 Minuten Batteriestrom, versichert Imke Bruns, stellvertretende Abteilungsleiterin für Sicherheit bei der BVG. „Die Zeit reicht aus, um die Züge in die Bahnhöfe zu fahren und die Fahrgäste zu evakuieren.“ Und dann?
„Wir haben notstromgetriebene Tankstellen und genug Diesel um einen Notverkehr mit Bussen aufrecht zu erhalten“ sagt Bruns.

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Doch Wilfried Gräfling schränkt ein, der Alltag werde sich massiv verändern. „Wir werden unsere Mobilität nicht mehr so ausleben können, wie wir es gewohnt sind.“ Denn die Katastrophenschützer fragten sich schon vor ein paar Jahren: „Wo kriegen wir den Sprit her oder den Diesel?“ Zwar haben Krankenhäuser und Sicherheitsbehörden eine Notstromversorgung für etwa 48 Stunden, doch sie mussten feststellen – nirgends woher. „Weil es in Berlin nicht eine Tankstelle gab, die notstromversorgt war“, sagt Gräfling.

„Man stelle sich das mal vor, die ganze Stadt ist voller Dieselkraftstoff und man kriegt ihn nicht raus. Und selbst Tanklager waren nicht notstromversorgt, d.h. selbst wenn wir in die Tanklager gefahren wären und gesagt hätte: Wir brauchen ein bisschen Diesel, hätten die gesagt, wir auch.“

Technologieprojekte für den Katastrophenschutz

Im Forschungsprojekt TankNotStrom der Berliner Feuerwehr wurde daraufhin ein Sensor- und Logistiksystem entwickelt, in dem Notstromaggregate melden, wenn der Diesel ausgeht, Tankstellen wurden mit Notstromaggregaten ausgerüstet und ein Verteilungsplan für Tanklastzüge erstellt.

Ulrich Meissen vom Fraunhofer-Institut FOKUS hat dagegen die 3,5 Millionen Berliner im Blick – denn die müssen gewarnt werden. Das geht heute nicht mehr mit Sirenen sondern mit dem Smartphone. Und da komme es darauf an, Vertrauen zu schaffen, um keine Panik zu erzeugen.
„Wir schicken ja die Nachrichten nicht raus, damit die Leute eine nette Nachricht bekommen, Achtung, jetzt wird’s gefährlich. Sondern wir wollen, dass die Leute vernünftig reagieren“.
Die Fraunhofer-Forscher stellten fest, dass die Reaktionen je nach persönlichem Erfahrungshorizont sehr breit gefächert sein können. „Das ist die größere Herausforderung als die Technik bereit zu stellen, nämlich die richtige Ansprache, man nennt das Krisenkommunikation mit der Bevölkerung“.

KATWARN ist eine Smartphone-App, die Ulrich Meissen mit seinen FOKUS-Kollegen entwickelt hat. Die warnt vor Wetterkatastrophen aber auch vor Großbränden und sie gibt Verhaltenshinweise. Und das sei nötig, sagt Landesbranddirektor Gräfling, denn zumindest die Bevölkerung ist auf die Katastrophe nicht vorbereitet.

„Das sind wir nicht. Und wir müssen es aber lernen, weil wir immer verwundbarer werden. Und deswegen auch unser Appell: Bereitet euch vor! Ein paar Kerzen, paar Taschenlampen, paar Batterien, ein Radio mit den passenden Batterien, was zu essen, was zu trinken… ich sag nur: Es hilft!“

Doch dies sei nur die eine Seite, betonen die Sicherheitsexperten. Nötig sei, dem Katastrophenschutz auch politisch die entsprechende Aufmerksamkeit zu schenken und vor allem entsprechend finanziell auszustatten. Aber, so Ulrich Meissen, technologisch sei (fast) alles machbar, „es ist auch eine gesellschaftliche Entscheidung, wie viel Geld wir ausgeben wollen, um uns zu wappnen“.

Autor/ Quelle:

Thomas Prinzler (inforadio rbb)

Gefördert aus Mitteln des Landes Berlin und der Investitionsbank Berlin, kofinanziert von der Europäischen Union - Europäischer Fonds für Regionale Entwicklung. Investition in Ihre Zukunft


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