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04.06.2013

Wenn der Dinosaurier zu leben beginnt

Kultur und Informationstechnologie. Nachlese zum 67. Treffpunkt WissensWerte


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Im Berliner Naturkundemuseum kann der Besucher es erleben: Brachiosaurus und seine Verwandten erwachen zum Leben und zeigen sich in ihrem Lebensumfeld. Im Ägyptischen Museum lagern tausende Jahre alte Fragmente von Papyrus-Schriften. Sie können wie von Geisterhand zusammengesetzt werden und offenbaren dann ihren Inhalt. Längst hat die Informationstechnologie in Museum, Bibliothek und Archiv Einzug gehalten, gibt es Informationen über Orte und Artefakte auf das Smartphone, werden wertvolle Stoffkollektionen und Bücher digitalisiert und präsentiert.

 Was ein Museum ist

„Museum ist Altertumsquatsch!“ hat einst der Künstler Martin Kippenberger provokativ konstatiert. Ein Museum ist ein Ort, „um zurückzublicken auf Materialien und Zusammenhänge“, definiert Dr. Bertram Nickolay für sich diesen Ort, von dem er sich inspirieren lassen wolle. Dabei hat auf den ersten Blick der Ingenieur vom Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik, IPK, wenig mit Museen zu tun. Anders als Dorothee Haffner, die Professorin für Museumskunde an der HTW, der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, ist. Für sie ist das Museum Arbeitsfeld aber zugleich auch Ort des Lernens, des Entdeckens und der Erbauung, „wo man Dinge genießen kann, ästhetische Erfahrungen machen kann, wo eine Vielfalt von Dingen zu entdecken sind, die Spaß machen.“
Musenheim, das Heim der Musen, seit dem 18. Jahrhundert der Ort „der Sammlung, Bewahrung, Erforschung und Wiederherstellung von Kulturgut und dessen sinnvoller Präsentation und Erläuterung“ (Brockhaus), ist in Veränderung begriffen. „Das Museum ist ein Ort zum Staunen“, sagt Prof. Jürgen Sieck und er wolle helfen, „dass es ein Ort wird, wo man die Zukunft bestaunen kann.“ Der Informatiker Sieck ist Chef der Forschungsgruppe Informations- und Kommunikationsanwendungen, INKA, an der HTW. Er befasst sich mit der Integration von IT in museale Räume, mit dem vielfältigen Austausch und Erleben von Information im Museum. Dieses „Musenheim“ erlebe gerade eine Renaissance, betont der Mediengestalter Joachim Sauter. „Es gibt wieder das Bedürfnis, Information gemeinschaftlich zu erleben und zwar physisch im Raum.“ Sauter, Professor an der Universität der Künste und Gründer der Agentur art+com gestaltet weltweit Medieninstallationen. In Berlin ist seine bekannteste Arbeit im Sauriersaal des Naturkundemuseums zu sehen.

Wenn der Dinosaurier zu leben beginnt…

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Kultur und Informationstechnologie

Podcast zum 67. Treffpuntk WissensWerte

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Juraskop

Der Saal, die Architektur, vertrage keine Medien, meint Sauter, und das sei die große Herausforderung gewesen. „Da wollen sie weder einen Monitor noch eine Projektion sehen. Aber wir wissen, dass speziell Jugendliche das Bedürfnis haben, interaktiv im wechselseitigen Dialog mit den Exponaten Information zu erleben.“ Joachim Sauter und sein Team entwickelten deshalb das so genannte Juraskop, ein Fernrohr, mit dem der Besucher in das Jura, die Zeit der Dinosaurier „zurückblicken“ kann. Beim Blick in das Fernrohr verwandeln sich die Skelette in vollständige Dinosaurier und die beginnen zu leben, bewegen sich in der Landschaft des Jura. Mit diesen kurzen Animationen werde den Besuchern erklärt, „warum sie so aussehen wie sie aussehen, z. B. der Brachiosaurus frisst vom Baum und das erklärt seinen langen Hals.“

Es sei eine interessante Zusammenarbeit gewesen, resümiert Sauter, „gemeinsam mit den Paläobotanikern das Jura und mit den Paläoontologen Dinosaurier nachzuempfinden.“
Wenn der Dinosaurier zu leben beginnt, dann haben entweder die Genetiker oder die Informatiker ihre Hand im Spiel. Und diese digitale Medieninstallation sei auch eine Art Wiederherstellung von Kulturgut, meint Dorothee Haffner, denn niemand wisse, wie Dinosaurier genau ausgesehen haben und zum Leben erwecken könne man sie wahrscheinlich auch nicht, „aber in der augmented reality (computergestützte Realitätserweiterung) solche Situationen nachzuempfinden und zu rekonstruieren auf möglichst gesicherter Basis – das ist das, was man heute machen kann mit der IT.“

Revolution für die Ägyptologie

Rekonstruktion ist auch das Thema von Bertram Nickolay. Denn Museum heißt auch Bewahrung, aber um etwas zu bewahren, muss es oft zunächst wieder hergestellt werden. Er war derjenige, der vor zehn Jahren die Technologie entwickelt hat, um zerrissene und geschredderte Stasiakten digital wieder zusammenzusetzen. „Wir haben Spezialscanner dafür realisiert“, sagt Nickolay und sie hätten damit einen gesamten Rekonstruktionsprozess mit einer speziellen Software entwickelt – einmalig in der Welt. Und dies sei auch sehr gefragt im Bereich der Kultur und Museen. Anfragen aus aller Welt erhalte das Team von Bertram Nickolay. Zurzeit seien sie dabei, zerfallene, gebrochene Papyri des Ägyptischen Museums in Berlin zu rekonstruieren, wieder lesbar zu machen. „Die Ägyptologen sagen“, berichtet Nickolay, „wenn man die wieder zusammensetzen könnte, dann muss vielleicht die Ägyptologie neu gedacht werden.“

EDV in Museum und Archiv

Die HTW nennt eine Sammlung von Stoffmusterbüchern aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert ihr Eigen – darauf hat Prof. Haffner ein besonderes Augenmerk geworfen und ein europäisch gefördertes Forschungsprojekt daraus gemacht: Stoffmuster digital.
„Stoffmusterbücher sind große dicke Folianten, in denen Stoffpröbchen kleben“, erklärt Haffner – und gerät ins Schwärmen. Nicht nur Stoffproben für die Herrenmode 1830/31 sei in diesen Musterbüchern zu finden sondern auch eine Rarität: das Musterbuch der Seidenmanufaktur George Gabain, die damals viel mit Karl Friedrich Schinkel zusammen gearbeitet hat. Und da gäbe es Pröbchen, „bei denen präzise vermerkt ist, wann, welche Menge zu welchem Preis für welchen Bau hergestellt worden ist. Da steht dann Möbelborten für den Neuen Pavillon Schloss Charlottenburg, der Schinkelpavillon. Oder es steht Altardecke für den Dom in Magdeburg, oder Wandbespannung für die königliche Loge im Schauspielhaus.“ Dies seien unersetzbare Originale für die Restauratoren, die danach Borten, Vorhänge und anderes originalgetreu rekonstruieren können. Deshalb müssten Muster, Art und Webstruktur der Proben aufwändig gescannt und fotografiert werden. Diese Digitalisierung der Stoffmusterbücher sei wichtig, so Haffner, weil nicht jeder darin blättern könne, denn dann „ist das Buch in vier Wochen nicht mehr zu gebrauchen.“ Außerdem lasse sich mit der Digitalisierung erst effektiv recherchieren, ergänzt Jürgen Sieck. „Stellen sie sich vor, sie haben hunderttausend Stoffpröbchen in fünfundsiebzigtausend verschiedenen Büchlein und sie suchen genau das, was Charlotte in ihrem Empfangspalais hatte - null Chance!“ Für den Nutzer – egal ob Kustos, Restaurator oder Besucher eines Museums - kann sich darüber hinaus noch viel mehr ergeben. Ein ganzer Wissensraum mit zusätzlichen Informationen, sagt Sieck, z.B. wo das Original ist, bei welchem Kurator oder in welchem Archiv oder Museum. „Mit der Digitalisierung hat man die Chance, einen richtig schönen Wissensraum aufbauen zu können, den sie mit analogen Mitteln nur sehr beschränkt machen können.“

Papplöffel, Lesezeichen und Museum to go

Und so hat Prof. Sieck vor drei Jahren den Besuchern der Ausstellung Koscher & Co im Jüdischen Museum Berlin Papplöffel in die Hand gegeben. Damit konnten diese in der Ausstellung Codes sammeln, die, zuhause am Computer eingegeben, zu leckeren Rezepten für koschere Gerichte wurden. Möglich machte diese ein RFID-Chip, der im Papplöffeln versteckt war. Ein vergleichbares Projekt hat Sieck kürzlich mit dem Museum für Islamische Kunst realisiert. Anlässlich der Ausstellung Schahname - Heroische Zeiten. Tausend Jahre persisches Buch der Könige entwickelte er ein Lesezeichen mit RFID-Chip. Die Fragestellung dort war, ob es nicht IT-Möglichkeiten gäbe, die den jungen Besuchern die Ausstellung näher bringen könnte. Und nebenbei sollten dies auch etwas mit nachhause nehmen können. Im Museum gab es dann blaue elektronische Geschichtenerzähler, sagt Sieck, die die Kinder mit dem Lesezeichen berühren konnten. „Zuhause am Computer haben sie den Code, den sie gesammelt haben, eingegeben, und konnten die Geschichten von Rostam im Kampf mit den Löwen, über die Befreiung der Königin oder über die antike Flugmaschine hören.“
Und Jürgen Sieck hat an der HTW quasi ein ganzes Museum digitalisiert. Um die Außenwirkung des Berliner Jüdischen Museums zu steigern, das räumlich und kapazitätsmäßig begrenzt ist, entstand das Projekt Museum on.tour. „Wir haben mit modernen IT-Systemen wie iPad und iPod ein Museum-to-go entwickelt“, so Jürgen Siecks Bezeichnung für das Projekt. Das gesamte Museum passe in einen Kleintransporter, ausgewählte analoge Museumsstücke seien von digitalen Informationen flankiert. Man könne so mit den Schülern diskutieren „über Toleranz, Religion, Geschichte und die Zukunft.“ Und vielleicht sind sie dann auch zu motivieren, „nach Berlin zu kommen und da ins physische Museum zu gehen“, hofft Sieck.

Museum der Zukunft

Wird also das Museum der Zukunft ein virtuelles sein – alles lasse sich zuhause am Computer besichtigen? Nach dem Motto: Wenn wir unsere Sammlungen, unsere Objekte online haben, dann kommt doch keiner mehr ins Haus. Dem widerspricht Prof. Haffner: „Alle Untersuchungen zeigen, dass dadurch erst die Attraktivität der Sammlung gesteigert wird, dass die Leute um so eher ins Haus kommen, je mehr sie online schon mal sehen können.“ Besonders beispielhaft werde das am Pariser Louvre praktiziert, da werde online exakt beschrieben, wo welches Kunstwerk ausgestellt sei. Auch das kuratorische Konzept des Museum of Modern Art in New York sei überzeugend, ergänzt Joachim Sauter, die machten alle ihre Objekte im Internet zugänglich ohne ein künstliches, virtuelles Museum zu bauen. Das sei ein ganz furchtbarer Begriff, meint Prof. Sauter. „Ich finde ganz schrecklich was Google momentan mit seinem Google Art Projekt macht, dass sie Museen nachbilden, dort die Bilder hängen, in die ich mich reinzoomen kann.“ Für ihn komme es darauf an, das auratische des Kunstwerkes, die Aura, die von der Historie ausgeht, zu erhalten – und das sei eben nur im Originalobjekt und nie in der digitalen Kopie möglich. „Bitte nie ein Museum nachbauen, die Bilder reinhängen und uns virtuell durchführen – ganz grausam.“
Wunderbar sei dagegen, so Dorothee Haffner, wenn Smartphone oder Tablet digitale Zusatzangebote liefern, die Bilder und andere Objekte kontextualisieren. Wichtig sei ihr aber, dass dies ein Zusatzangebot sein müsse. Manch einer gehe nicht mit dem I-Pad durchs Museum, „die möchten die Originale sehen und das reicht.“ Andere, vorwiegend Jüngere erwarteten aber digitale Zusatzangebote. Doch fragt sich Prof. Haffner, wie man die Jüngeren dazu kriegt, wirklich auch bei den Objekten zu bleiben und nicht nur auf ihre Tablets zu gucken, das sei eine Gratwanderung. Im Museum der Zukunft werde aber der Aspekt des Sprechens über die Dinge, die man sieht, wichtiger. Facebook und Twitter-Technologien sieht sie gezielt im Museum eingesetzt. Schon heute gäbe es TweetUps, wo sich Leute im Museum verabredeten und dort eine Sonderführung eines Kurators bekommen. „Und die Leute twittern im Museum, nicht nur mit sich, sondern mit all ihren Followern, die nicht dabei sind, und damit erreicht diese von der Besucherzahl an sich beschränkte Veranstaltung eine enorme Reichweite über das Museum hinaus,“ schwärmt Dorothee Haffner.
Bertram Nickolay denkt darüber nach, wie seine Rekonstruktionstechnik, die inzwischen auch auf 3D-Objekte angewandt werden kann, für jüngere Museumsbesucher spielerisch gestaltet werden könnte. „Da sind Szenarien denkbar, wie man interaktive Exponate macht, wo beispielsweise Fragmente zusammengepuzzelt werden können als Spiel. Ich glaube diese Interaktive Beschäftigung wird Kinder und Jugendliche dazu bringen, sich noch einmal anders und intensiver mit den Objekten zu beschäftigen.“

Und Jürgen Sieck wünscht sich für die Zukunft besucherzentrierte Museen, wo es zu jedem Objekt einen digitalen Wissensraum geben sollte. Wer sich für Dampfmaschinen interessiere, werde zu einer Dampfmaschine geführt, bekommt Konstruktion und Patentschrift und in einer Animation noch Produktion und Funktionsweise gezeigt. „Das kann Museen in die Zukunft führen“, ist sich Sieck sicher, „das Füllhorn digitaler Möglichkeiten erschlägt nicht das Objekt sondern begeistert uns.“

„Es geht ums gut Machen“, fasst Joachim Sauter die Zukunftsaufgabe zusammen. „Es geht nicht darum, welche Technologie benutzen wir in 10 oder 20 Jahren. Es geht darum, dass wir lernen, wie wir im Raum mit Medien erzählen, dass wir diese Sprache verstehen und mit ihr vernünftige Geschichten erzählen.“
Das Museum der Zukunft muss alle Sinne ansprechen, um die Aura des Originalobjektes und den angebotenen Wissensraum erfassen und erleben zu können – ganz im Sinne Konfuzius’:

„Ich höre und ich vergesse.
Ich sehe und ich erinnere mich.
Ich tue und verstehe.“

Autor/ Quelle:
Thomas Prinzler (inforadio rbb)

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