Neuigkeiten

17.04.2014

Viel, mehr, Datenmeer…

Möglichkeiten und Herausforderungen von Big Data. Nachlese zum 71. Treffpunkt WissesnsWerte


Beitrag teilen

Am Anfang war das Wort. Ägyptische oder Maya-Hieroglyphen hielten Informationen auch für die Nachwelt fest. Viel später, im 18. Jahrhundert, kam die Encyclopaedia Britannica. Die beansprucht „the sum of human knowledge zu sein“. Die Summe menschlichen Wissens umfasst dort aktuell 75.000 Artikel mit 44 Millionen Wörtern. Diesen Titel kann aber sicher Wikipedia beanspruchen mit 1,7 Millionen Artikeln allein auf Deutsch.Das menschliche Wissen ist schier unerschöpflich – im wahrsten Wortsinn Big Data. Und Big Data heißt der moderne Begriff für riesige Datenmengen unterschiedlichster Herkunft. Dazu findet Google übrigens in 32 Sekunden über 2 Milliarden Einträge. Alle Welt spricht von Big Data.

Mehr als ein Hype?

Ja, Big Data habe Hype-Charakter, meint Professor Volker Markl, Leiter des Fachgebiets Datenbanksysteme und Informationsmanagement an der Technischen Universität Berlin, aber es berge auch viele neuartige Chancen. „Es können datengetriebene Entscheidungen getroffen werden, mit denen wir in wissenschaftlichen Bereichen neue Erkenntnisse gewinnen wie beispielsweise die Entdeckung des Higgs-Bosons, und auch im wirtschaftlichen Bereich können Entscheidungen besser getroffen werden.“
Das Datenvolumen verdoppelt sich etwa alle zwei Jahre. Denn immer mehr Prozesse in allen Bereichen generieren digitale Daten. Mit Big Data operieren die Geheimdienste der Welt ebenso wie medizinische Datenbanken und die Industrie. Banken und Google, Klimaforscher, Terrorexperten oder Archäologen – alle müssen und wollen damit umgehen.
Für Informatiker sei das ein Phänomen, das sich schon seit Jahren abzeichnete, betont der Präsident der Gesellschaft für Informatik, Professor Peter Liggesmeyer. Big Data „bietet Chancen für die Industrie, für neue Märkte aber auch für Kunden, da man ihre Bedürfnisse besser versteht.“ Allerdings sei für viele Unternehmen die „Entwicklung relativ neu“, so Dr.-Ing. Jürgen Müller, Chef des Innovationszentrums von SAP, sie seien erst “zum Teil angekommen“. Auch die Altertumswissenschaften beobachten die Entwicklung mit Neugierde. Zwar habe es in der Archäologie schon immer Big Data in Form großer Quellensammlungen gegeben, sagt Professor Reinhard Förtsch, Wissenschaftlicher Direktor für Informationstechnologien am Deutschen Archäologischen Institut, Berlin. Nun aber sei es möglich, „einmal erzeugte Daten unter völlig anderen Gesichtspunkten zu analysieren. Wir hoffen in Daten Muster zu finden, die … so  von den Erstellern nie gesehen worden sind.“

Viel mehr Datenmeer

Viel mehr Datenmeer

Möglichkeiten und Herausforderungen von Big Data

Podcast zum 71. Treffpunkt WissensWerte

Podcast Download (34 MB)

Data Gold Rush

In der aktuellen Studie der Technologiestiftung Berlin zu Big Data wird die Wertschöpfung aus öffentlichen Daten für Berlin auf 20-50 Millionen Euro pro Jahr beziffert. Neelie Kroes, Vize-Präsidentin der EU-Kommission, verantwortlich für die Digitale Agenda, spricht vom Data Gold Rush, an dem Europa teilhaben solle. Ja, sagt Professor Liggesmeyer, das sei eine passende Metapher. Er schränkt aber ein, dass auch beim richtigen Goldrausch in den USA nicht jeder Goldsucher das begehrte Edelmetall gefunden habe. „Wir glauben alle, dass da in bestimmten Bereichen große Anwendungsmöglichkeiten existieren, aber inwieweit das dann eintritt, ist eine ganz andere Frage.“
Es könne jedoch die Unternehmenswelt revolutionieren, meint Jürgen Müller, die SAP stelle sich darauf ein. So habe man mit der SAP HANA das so genannte In-Memory-Computing für die superschnelle Datenanalyse genutzt. „Viele Entscheidungen in Unternehmen werden aus dem Bauch heraus getroffen, weil die Datenbeschaffung so lange dauert“, sagt Dr. Müller. In Kooperation mit dem Hasso-Plattner-Institut wurde die Hauptspeicher-Datenbank SAP HANA entwickelt, die eine Datenanalyse in Echtzeit ermöglicht, wofür sonst bis zu mehreren Tagen nötig seien. Datenanalyse in Echtzeit ist hingegen beim IANUS-Projekt der Archäologen nicht gefragt. Hier geht es um Mustererkennung in großen altertumswissenschaftlichen Datensammlungen, so Professor Förtsch. Daten müssten aufgehoben werden, weil bei Ausgrabungen durch die Ausgrabung selbst oft Daten verloren gingen. IANUS soll nun Big Data für die Archäologie ermöglichen.
Ein weiteres großes Projekt ist das Berlin Big Data Center, das gerade mit Unterstützung des BMBFs gegründet wurde. Es wird unter Federführung der TU Berlin stehen – in persona Volker Markl. Mit diesem Zentrum sollen einerseits Experten für die Anwendung und Analyse von Big Data, so genannte Data-Scientists, ausgebildet werden. Andererseits sei das Ziel, das System zu vereinfachen, „indem eine Technologie entwickelt wird, die es den Datenanalysten ermöglicht, sich ausschließlich auf die Analyse der Daten zu konzentrieren und nicht mehr darüber nachdenken zu müssen, wie kann ich es dem Computer auch beibringen“, so Professor Markl.

Schöne neue Welt

Der Supercomputer Watson ist ein medizinischer Datensammler und kann Diagnosen erstellen. Google prognostiziert den Verlauf von Grippewellen. Die FAZ titelte: „Das Haus, das weiß, was Du wollen wirst“ – es geht um ein Hitec-Wohnprojekt in New York, die Hudson Yards, mit Wohnungen voller Sensoren, die das Leben, Wohnen und die Gesundheit der Bewohner überwachen. Wie bei jeder Technik seien Chancen und Risiken miteinander verbunden, meint Peter Liggesmeyer. Medizinischen Daten sollten möglichst privat sein, bei einem Unfall jedoch sofort und umfassend zur Verfügung stehen. „Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Es kommt darauf an!“, so Liggesmeyer Antwort. „Daten sind neutral“, ist Volker Markl überzeugt, deshalb sei der Begriff Datenschutz nicht ganz klar, es gehe vielmehr um Analyseschutz. „Was kann ich mit den Daten machen? Vorstellbar wäre eine Art Datenspenderausweis.“ Auch in der Wissenschaft sei dies eine umstrittene Frage, ergänzt Reinhard Förtsch, wissenschaftliche Daten seien oft lizenziert und nicht ohne Weiteres nachnutzbar.
An der Berliner Universität der Künste lehrt der koreanischer Philosoph Byung-Chul Han. In seinem Essay „Im Schwarm“ schreibt er: „So hat die Transparenzgesellschaft eine strukturelle Nähe zur Überwachungsgesellschaft. …Jeder Klick, den ich mache, wird gespeichert, jeder Schritt wird zurückverfolgbar. Unser digitales Leben bildet sich exakt im Netz ab. Die Möglichkeit der Totalprotokollierung des Lebens ersetzt Vertrauen vollständig durch Kontrolle. An die Stelle von Big Brother tritt Big Data.“

Eine Veranstaltung der Technologiestiftung Berlin und Inforadio (rbb) in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Informatik im Rahmen der Informatiktage und des Wissenschaftsjahres „Die Digitale Gesellschaft“.

Autor/ Quelle:
Thomas Prinzler (inforadio rbb)

Gefördert aus Mitteln des Landes Berlin und der Investitionsbank Berlin, kofinanziert von der Europäischen Union - Europäischer Fonds für Regionale Entwicklung. Investition in Ihre Zukunft


Beitrag teilen

Ansprechpartner

Michael Scherer
Michael Scherer
Netzwerke & Kooperationen Wissenschaftlicher Mitarbeiter
E-Mail schreiben +49 30 209 69 99 51