Neuigkeiten

12.11.2014

Rosetta, der Kometenjäger

Beim 75. Treffpunkt WissensWerte ging es um die Rosetta-Mission.


Beitrag teilen

Am 12. November 2014 wird interstellare Geschichte geschrieben: Nach zehn Jahren Reisezeit, mehr als sechs Milliarden zurückgelegten Kilometern und monatelanger Umkreisung des Zielobjektes wird sich von der europäischen Raumsonde Rosetta eine kleine Landeeinheit lösen und auf den Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko nieder schweben. Philae heißt der Lander, der sich in die Staubschicht des Kometen geradezu einbohren soll, um erstmals in der Geschichte der Raumfahrt Proben direkt von der Kometenoberfläche zu nehmen und zu analysieren.

500 Millionen Kilometer entfernt - was will man da? "Wir wollen Erkenntnisse sammeln", sagt Tilman Spohn, Direktor des DLR-Instituts für Planetenforschung in Berlin-Adlershof. Wie ist ein Komet beschaffen? Was können die Wissenschaftler aus den Eis- und Staubbrocken aus den Entstehungsjahren des Sonnensystems erfahren? Das sind Brocken, die 4,5 Milliarden Jahre in einer Art kosmischer Tiefkühltruhe aufbewahrt worden, beschreibt Berndt Feuerbacher, Direktor Emeritus des Kölner DLR-Instituts für Raumsimulation in Köln, den Kometen. "Wir machen so eine Art extreme Archäologie, wenn wir dahinfliegen. Es geht um Fragen wie: "Wie kommt das Wasser auf die Erde oder sogar wie kommt das Leben hierher auf die Erde?"

Treffpunkt WissensWerte: Kometenjäger

Treffpunkt WissensWerte: Kometenjäger

Die Rosetta Mission vor dem Ziel

Podcast zum 75. Treffpunkt WissensWerte

Podcast Download (34 MB)

Wesentlich erdverbundener ist Reinhard Schiffel, Experte für Funkkommunikation und Gründer und bis vergangenes Jahr Geschäftsführer der Firma iq wireless in Berlin-Adlershof. Ihn interessiert der Technologietransfer, "wie man bestimmte Forschungs- und Entwicklungsergebnisse terrestrisch nutzen kann, für den Umweltschutz, für die frühzeitige Erkennung von Waldbränden."

Der Komet Tschurjumow-Gerassimenko ist 4 mal 6 Kilometer groß, besteht aus einem dicken und einem dünneren Ende. Manch einer beschreibt ihn als kartoffel- andere als enten- oder erdnussförmig. "Was uns da oben erwartet, wissen wir nicht konkret", sagt der Projektleiter des Landers Philae, Stephan Ulamec. Er ist der Nachfolger von Berndt Feuerbacher, der vor 15 Jahren Philae ersann und die ESA überzeugte, den Lander Huckepack auf die Rosetta-Mission mitzunehmen. "Noch niemand war da, das ist absolut einmalig", schwärmt Feuerbacher. "Für mich ist das eine Sache, die geht nicht nur wissenschaftlich-technisch sondern emotional".

Was man schon weiß

Seitdem Rosetta im August den Zielkometen erreicht hat und diesen umkreist, schicken die Messgeräte der Sonde unentwegt Daten zur Erde, die die Wissenschaftler in Aufregung versetzen. Dadurch, dass der Komet regelmäßig an der Sonne vorbeifliegt, verliert dieser Material, schmilzt ein Teil der Oberfläche und er reinigt sich dadurch selber. "Das ist genau das, was wir gesucht haben", so Prof. Feuerbacher, "das ursprüngliche Material unseres Sonnensystems, das macht es wissenschaftlich aufregend." Allerdings betont Prof. Spohn, stehe man erst ganz am Anfang in der Auswertung der Daten, vieles müsse noch geprüft werden, ehe es veröffentlicht werden könne. Aber man wisse jetzt schon ziemlich gut Bescheid über die Oberfläche von Tschuri, wie er von vielen beteiligten Wissenschaftlern genannt wird. "Dieser Komet ist sehr porös, ein lockeres Gebilde aus Eis und Staub und organischen Verbindungen. Er ist sehr isolierend, wenn sie den benutzen würden, um ihr Haus zu isolieren, wären sie bestens aufgestellt." Und Prof. Feuerbacher ergänzt: "Der Komet ist etwas ungastlich. Wir hatten ihn uns glatter vorgestellt. Wenn wir die Bilder sehen, ist er ganz zerklüftet, es ist nicht so, dass man eingeladen wird, darauf zu landen."

Der Missionsname Rosetta bezieht sich auf den Rosetta-Stein. Mit dessen Hilfe konnten im 19. Jahrhundert die ägyptischen Hieroglyphen entziffert werden, da auf ihm Hieroglyphen und ihre griechische Übersetzung zu finden war. Ein zweiter Schlüssel dafür war für die Wissenschaftler damals ein Obelisk, der auf der Nilinsel Philae gefunden wurde.

Die Landung - Mission erfüllt

Wenn am 12. November gegen 9.00 Uhr von der Erde das Signal zum Abkoppeln von Philae kommt, liegen über 7 Stunden banges Warten vor den Wissenschaftlern, denn so lange dauert der Fall von Philae auf den Kometen. "Wir haben keine Möglichkeit nachzusteuern", betont Berndt Feuerbacher, denn das Funksignal benötigt ca. 30 Minuten bis zur Sonde. Und es ist kein Zerschellen wie bei Mars oder Mond möglich, die Landung ist auf jeden Fall weich, aufgrund der geringen Anziehungskraft des Kometen. Der 100 Kilogramm schwere Lander wiegt da oben auch nur ein paar Gramm. Entscheidend ist es "dort zu bleiben", sagt Feuerbacher. Daher gibt es ein ausgeklügeltes System, wie sich Philae auf der Kometenoberfläche fest krallt. "Sobald er ankommt schießt er 2 Harpunen in den Kometen rein und zurrt sich fest. Und in den 3 Füßen sind Eisschrauben, die sich beim Aufsetzen reinbohren." Und dann beginnt Philae mit der Arbeit. Radar, Spektro- und Seismometer sowie Magnet- und Thermalsonden untersuchen die Beschaffenheit der Oberfläche, ein Bohrer wird Material aus dem Kometen bohren. Und wo erfolgt die Analyse all der Daten? "Das Labor ist genau dort", sagt Tilman Spohn. Die Proben aus dem Weltraum werden nicht zur Erde gebracht, sondern die Wissenschaft auf den Kometen. Rosetta und Philae sind praktisch komplette Labore mit ihren vielfältigsten Mess- und Analysegeräten. Und obwohl diese vom Design über 10 Jahre alt sind, erfüllen sie einhundertprozentig ihre Aufgaben, sagt Prof. Feuerbacher. "Die Technik erlaubt uns, sehr flexibel zu sein. Wir können heute noch Änderungen in der Software vornehmen aber nicht in der Hardware." Und bereits jetzt steht fest, dass die Mission ein hundertprozentiger Erfolg ist. " Die Daten, die es heute schon gibt, sind so neu, so umwerfend, so eindrucksvoll, das ist ein absoluter Erfolg." Und auch Tilman Spohn ist glücklich: "Philae ist das Sahnehäubchen, wir erwarten noch viel genauere Daten zur Zusammensetzung und Eigenschaften des Kometenkerns. Die Mission jetzt schon erfüllt."

Firewatch - Raumfahrttechnik für Brandenburgs Wälder

In Berlin-Adlershof passiert eine Menge in Sachen Raumfahrt-Technik, natürlich auch, weil dort das DLR ist. Und oft schon sind spin offs wahre Erfolgsgeschichten, wie Firewatch, ein halbautomatisches Brandwarnsystem. Wesentliche Bestandteile basieren auf der Technik der Rosetta-Mission. Die Basistechnologie für das Firewatch-System besteht aus einer hochauflösenden Spezialkamera, einem Bildverarbeitungs- sowie einem Kontrollrechner und einem Verfahren zur Erkennung von bestimmten Wasserdampfwolken. Alles wurde in Adlershof am DLR entwickelt. Er sei, erzählt Reinhard Schiffel, eher durch Zufall dazu gekommen. Das DLR suchte für das System, das als Demonstrator existierte, eine Firma. Und die fand sie in Schiffels iq wireless. Die Firma entwickelt das System weiter. Heute hat Firewatch "4,7 Millionen Hektar unter Kontrolle von der Oder bis Niedersachsen, Deutschland ist abgedeckt." Stolz schwingt mit bei Prof. Schiffel. " Unsere Systeme sind auch von den USA bis Australien im Einsatz. Es ist im Moment das einzige System, das halbautomatisch mit dieser Zuverlässigkeit arbeitet."

Vom Nutzen der Raumfahrt

Die Rosetta-Mission kostet etwa 1 Milliarde Euro, Philae allein 200 Millionen. Die Mission wird von 17 Ländern der ESA getragen, Deutschland ist mit 290 Millionen Euro beteiligt. Lohnt sich dieser Aufwand?

Berndt Feuerbacher: "Von der Milliarde wird kein Pfennig im Weltraum ausgegeben, das geht alles hier auf der Erde in die besten Gehirne, die besten Wissenschaftler und sichert uns Innovationen wie Firewatch."

Reinhard Schiffel: "Wir kleineren Unternehmen profitieren hier am Standort davon, dass neue Aufträge kommen, dass wir gemeinsam mit dem DLR Entwicklungen durchführen können und diese dann für andere terrestrische Aufgaben nutzen können."

Tilman Spohn: "Wissenschaftliche Erkenntnis ist ein Wert an sich. Wir wären heute nicht hier, wenn wir nicht als Menschen von Anbeginn darüber nachgedacht hätten: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin, wie können wir unser Leben verändern?"

Bild auf Startseite: DLR (CC BY 3.0)


Beitrag teilen

Ansprechpartner

Frauke Nippel
Frauke Nippel
Geschäftsstelle Vorstand Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
E-Mail schreiben +49 30 209 69 99 14