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21.06.2013

Botschafter für Wissenschaft und Technik

42 internationale und regionale Vertreter waren auf der diesjährigen Innovation Policy-Veranstaltung


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Erfindungsreichtum ebnet den Weg in die Zukunft: Weltweit gelten Innovationen als wichtiger Katalysator für wirtschaftlichen Erfolg. Was genau Innovation ist und wie sie entsteht, hängt aber sehr vom lokalen Kontext ab. Die Innovation Policy-Reihe der TSB nimmt diese Individualität zum Anlass, jährlich Repräsentanten verschiedener Länder, Disziplinen und Institutionen an einen Tisch zu bringen, um über die Rahmenbedingungen für Innovation ins Gespräch zu kommen. In diesem Jahr waren die 28 Teilnehmerländer eingeladen, sich und ihre Innovationsstrategie genauer vorzustellen. Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der TSB, und Maria Seifert, Projektmanagerin für internationale Vernetzung, begrüßten die Gäste im historischen Magnus-Haus, der Geburtsstätte der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. „Die Hauptstadtregion möchte an internationalen Beispielen lernen, wie man Potenzial in Arbeitsplätze umwandelt“, führte Zimmer ein.

Im Panel saßen Gastgeber Nicolas Zimmer für Deutschland, seine Exzellenz Paul King Aryene, Botschafter von Ghana sowie Abgesandte der Botschaften von Indien, Mexiko und den Niederlanden. Jedes dieser Länder blickt auf eine beispielhafte, individuelle Entwicklung im Bereich Technologie zurück: Deutschland hat weltweit Vorbildcharakter aufgrund seiner hohen Standards und der ambitionierten Energiepolitik. Ghana reformiert aktuell sein Wirtschaftssystem grundlegend, um die alten, kolonialistisch geprägten Strukturen hinter sich zu lassen: eine technologiebasierte, neue Wirtschaftsordnung soll Kakaoanbau, Teeplantagen und Goldförderung ablösen. Die Niederlande haben eine lange Tradition und große Kompetenz im technologischen Bereich; teilweise unter dem Meeresspiegel gelegen, muss das Land seit Generationen vor Überflutung geschützt werden. Indien und Mexiko gehören zu den technologisch stärksten Schwellenländern. Für Indien, als großem und bevölkerungsreichem Land, stehen dabei Innovationen für den Binnenmarkt im Vordergrund. Mexiko hingegen setzt, von seiner strategisch bedeutenden geographischen Position aus, auf internationale Zusammenarbeit.

Innovation Policy 2013

Berlin mit seiner ambitionierten Innovationspolitik stand im Mittelpunkt des Vortrages von Nicolas Zimmer. Das Land investiere 3,4 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in Forschung und wirtschaftlichen Fortschritt, erklärte der TSB-Vorstand. Damit sei die Hauptstadt mit den ökonomisch starken Bundesländern in Süddeutschland gleichauf. Zimmer erläuterte den internationalen Gästen die Aufteilung von Kompetenzen und Verantwortlichkeit zwischen Bund und Ländern und die daraus resultierende Konkurrenz um Mittel. Die Zusammenarbeit von Berlin und Brandenburg im Rahmen der gemeinsamen Innovationsstrategie „innoBB“ sei einzigartig in Deutschland, sagte der frühere Berliner Staatssekretär für Wirtschaft. Man ergänze sich gut: „Berlin hat keinen Stahl, keine Kohle, aber helle Köpfe“.
Fünf Cluster umfasst der Berlin-Brandenburgische Schwerpunktbereich für Forschung und Entwicklung: Gesundheitswirtschaft, Informations- und Kommunikationstechnologien/Neue Medien, Energietechnik, Optische Technologien sowie Verkehr, Mobilität und Logistik. Dazu kommen einige branchenübergreifende Themen. Insgesamt sei es das Ziel am Standort, Jobs durch den Aufbau einer wissensbasierten Ökonomie zu generieren, erklärte Zimmer. Erreichen will Berlin das durch einen intensiven Dialog zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, sowie durch internationale Kooperationen.

Ganz anders stellt sich die Situation in Ghana dar. Botschafter Paul King Aryene präsentierte die „Vision 2020“ des Entwicklungslandes. Mit dieser Regierungsstrategie will Ghana in den kommenden sieben Jahren eine moderne Ökonomie aufbauen, die sich auf Wissenschaft und Technologie stützt. Dadurch soll Wachstum generiert und bis 2020 die Armut im Land deutlich reduziert werden. „Technologische Entwicklung ist ein Weg zum sozialen Wandel “, erklärte der Botschafter. Einer der wichtigsten Schritte sei angesichts der raschen Entwicklung Ghanas eine komplette Revision des Bildungssystems. Ghana müsse auf qualifizierten Nachwuchs aus dem eigenen Land zurückgreifen können und eine Wissenschaftskultur entwickeln. Führende Institutionen mit Forschungskompetenz gibt es bereits: etwa die Ghana Academy of Arts and Science in Accra oder das Noguchi Memorial Institute for Medical Research. Die einzelnen Projekte müssten aber in eine kohärente Wissenschaftspolitik mit handlungsfähiger Verwaltung eingebettet sein, betonte Aryene. Aus diesem Grund sei das Ministerium für Umwelt, Wissenschaft und Technologie neu gegründet und eine verbindliche Strategie für die wissenschaftliche und technologische Entwicklung verabschiedet worden. „Alle wichtigen Parteien haben dem Dokument zugestimmt und die Verantwortung der Regierung anerkannt“, betonte der Botschafter. Teil des Problems sei, dass Industrieunternehmen in Ghana keine eigene Forschung unterhalten. Aus diesem Grund gebe es einen nationalen Innovationsfonds, in den die Betriebe nun mit einzahlen sollten. „Ghana ist sich seiner momentanen Einschränkungen bewusst“, schloss Aryene. „Darum suchen wir aktiv die Zusammenarbeit mit anderen Ländern.“

 Ähnlich wie Deutschland verfügen auch die Niederlande über eine gut entwickelte Infrastruktur für Forschung und Entwicklung. Aktuell gelte es, die Abhängigkeit vom Schiffbau zu reduzieren, erklärte Botschaftsrat Wout van Wijngaarden. Das Land habe außer Gas keine Ressourcen. Darum müsse das Gas dieses schlau verwendet werden: zum Beispiel in aufstrebenden Wirtschaftszweigen wie der Halbleiterindustrie. Durch die Verzahnung von Industrie, Politik und Forschung in Form einer „Triple Helix“, wollen die Niederlande bestehende Hemmnisse in der Forschungsförderung überwinden. Das Land wird international außerordentlich gut bewertet. Dennoch müsse die Innovationskapazität erhöht und der Zugang zu Mitteln erleichtert werden, beschrieb van Wijngaarden die Situation. Die aktuelle Innovationsstrategie des dicht besiedelten Landes steht auf zwei Säulen: einerseits werden breit gefächert innovative Ideen durch steuerliche Erleichterungen gefördert. Diese werden beispielsweise gewährt, wenn zukunftsorientierte Unternehmen Patente anmelden oder besondere Investitionen tätigen. Andererseits gibt es spezielle Programme, die die Entwicklung ausgewählter Exportsektoren verstärken sollen. „Forschung und Entwicklung liegen in unseren Genen “, sagte van Wijngaarden. Gegenwärtig gehe es aber auch in der traditionsreichen Wirtschaft der Niederlande darum, mehr Fachkräfte auszubilden und die Attraktivität technischer Berufe zu steigern.

Mit einem jährlichen Wachstum von rund 6% des Bruttoinlandsproduktes ist Indien ein beeindruckendes Beispiel für wirtschaftlichen Erfolg durch Innovation und Technologie. Forschung und Entwicklung sind seit 1958 Teil der indischen Politik und inzwischen gut integriert. Um dem aktuellen Stand Rechnung zu tragen, wurde die Innovationsstrategie aber Anfang 2013 überarbeitet. Botschaftsrat Venkatarama Sharma erklärte, dass Indien mit einem nachhaltigen, technologiebasierten Wirtschaftswachstum die sozialen Probleme im Land zu lösen gedenke. Im Fokus liegen zehn Sektoren; einer davon ist Nanotechnologie mit einer jährlichen Expansion von 9%. Filter für Wasser und zum Einsatz in der Automobilindustrie sind das zentrale Produkt. „So funktioniert Indien:“ , sagte Sharma, „wir schaffen Innovationen, die praktisch und preisgünstig sind.“ Der Botschaftsrat führte aus, Indien fördere bevorzugt gesellschaftlich relevante Projekte. Zum Beispiel erhalte jedes zweite Kind auf der Welt heute indische Impfstoffe. Die Nachwuchsförderung ist ein Schwerpunkt der Strategie Indiens: Bereits 65 000 Stipendien für zehn- bis 15-Jährige seien vergeben worden, erklärte Sharma. Verfolgt ein Stipendiat eine naturwissenschaftliche Karriere, erhält er die Unterstützung bis zum Abschluss seiner Promotion. Sharma betonte, dass die Forschung stets das Wohl der Menschen im Auge haben müsse. „Innovativ sein bedeutet nicht, noch einen Roboter zu bauen“, sagte der Botschaftsrat, „sondern die Probleme der Gesellschaft zu lösen“.

Botschaftsrat Héctor Alcántara Palacios aus Mexiko schloss das Panel mit einer Vorstellung der Innovationsstrategie seines Landes. Die Einladung der TSB, so Alcántara, empfinde er als eine Würdigung der mexikanischen Entwicklung. Dank kontinuierlicher Reformen ist in Mexiko ein stabiles Wirtschaftsklima entstanden. Das Land verfüge über eine moderne Infrastruktur und qualifizierte Fachkräfte in wettbewerbsfähigen Industrieunternehmen, erklärte der Botschaftsrat. Das Erfolgsrezept ist ein Innovationssystem, in dem staatliche und regionale Regierungen mit Industrie, Universitäten und Wissenschaftszentren zusammenarbeiten. Im „Agreement for Mexico“, das die drei wichtigsten Parteien unterzeichnet haben, ist der Aktionsplan für die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung des Landes für die kommenden Jahre festgeschrieben. Digitale Medien und Saatgutforschung sind zwei zukunftsträchtige Felder in Mexiko. Die aktuelle Herausforderung liegt laut Alcántara darin, für die zahlreichen Universitätsabsolventen geeignete Weiterbildungsmöglichkeiten und Jobperspektiven zu schaffen. Bildungskooperationen, unter anderem mit Deutschland, helfen Mexiko dabei. Wenn das gelingt, davon ist der Botschaftsrat überzeugt, „gehört Mexiko die Zukunft!“

In der anschließenden Diskussion arbeiteten die Gäste einige Faktoren heraus, die, unabhängig von lokalen Bedingungen, für eine innovative Wirtschaft notwendig sind. Ihre Exzellenz Joy Wheeler, Botschafterin von Jamaika, unterstrich die Bedeutung einer erfolgreichen Zusammenarbeit von Industrie, Forschung und Politik. Dr. Matteo Pardo warb für das italienische Modell, das die Mittelausschüttung an ein hohes Maß an bereichsübergreifender Kooperation bindet. Gleichzeitig befürwortete er eine bewusste Schwerpunktsetzung. „Man kann nicht in allem gut sein“, bemerkte auch der Brite Kenan Poleo und Venkatarama Sharma pflichtete ihm bei. Besonders wenn die Ressourcen knapp seien, dürfe man nur eine Sache machen, und müsse dort Herausragendes leisten, sagte der Vertreter Indiens. Bettina Stengel stellte das „Star of Chile“-Programm vor, mit dem ihr Land gute Ideen aus dem Ausland anwirbt. Man wolle von den Gästen lernen, risikofreudiger zu werden. Dasselbe legte sie auch Gastgeber Deutschland ans Herz: „Sie sollten sich trauen, in die eigenen Unternehmen zu investieren, statt auf große ausländische Geldgeber zu warten!“ Die Gespräche zeigten auch, dass Strategien nur von Dauer sind, wenn sie verbindlich formuliert und von einer breiten politischen Mehrheit getragen werden. Staatliche und föderale Verantwortlichkeiten sollten in den Dokumenten ebenfalls klar geregelt sein, forderten die Teilnehmer. Zum Abschluss hob Botschaftsrat Sharma hervor, was Deutschland von den Entwicklungsländern lernen könne: „In Indien ist Nachhaltigkeit Teil des täglichen Lebens. Wir reparieren Dinge, statt sie wegzuwerfen. Service ist uns wichtig.“ Botschafter Aryene applaudierte. Im Anschluss an die Diskussion fand ein angeregter multilateraler Austausch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer statt.

Autor / Quelle:
Dr. Stefanie Geiselhardt


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