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  • Thema Neue Technologien

Meta-Was?

Porträt von Christian Hammel
  • Rubrik Kommentar
  • Veröffentlichungsdatum 27.04.2022
Dr. Christian Hammel

Nicht erst seit der Umbenennung des amerikanischen Plattformriesen reden Klatsch, Tratsch und Influencer im IT-Business so viel vom Metaverse, dass die Erklärbranchen kaum hinterherkommen. Das soll wichtig sein, demnächst kommen und die Welt verändern. Grund genug, sich das näher anzusehen.

Was sind Metaversen?
Was ist neu an Metaversen?
Kommt das? Und wenn ja, dann wann?
Was heißt das für Berlin?

Was sind Metaversen?

Aus der Wikipedia erfahren wir: „Ein Metaversum ist ein konsistenter und persistenter digitaler Raum, der durch die Konvergenz von virtueller, erweiterter und physischer Realität entsteht – einschließlich der Summe aller virtuellen Welten, der erweiterten Realität und des Internets.“ (1) Aha.

Quelle ist t3n, wie oft bei neuen Trends, wo wir in einer ganzen Serie von Artikeln mehr erfahren (2). Es handelt sich um dreidimensionale veränderbare aber dauerhaft beständige Welten, in denen wir uns mittels Avataren bewegen und interagieren. Wenn man dort virtuelles Land kauft, kann man darauf auch virtuell bauen und einen Laden, Mietwohnungen oder sonst etwas errichten. Natürlich kann man seinem Avatar auch etwas zum Anziehen kaufen oder virtuelle und reale Dienstleistungen und Waren anbieten. Moment. Klingt bekannt? Richtig. Der Hype um second life (3) von linden labs war 2007, also schon vor 15 Jahren. In der Euphoriephase waren neben den vielen Nutzern, die zum Spaß da waren, sogar deutsche Städte mit 3D-Modellen, die Kirche mit Gottesdiensten und natürlich jede Menge Markenartikler vertreten. Ob man bei denen nur virtuelle Turnschuhe für den Avatar kaufen konnte oder auch echte bestellen, weiß ich nicht. Bezahlt wird dort mit Linden-Dollar, die man beim Betreiber gegen echte Dollar kaufen und verkaufen kann. Außer an seinen Dollars verdient der Betreiber an Nutzungsgebühren und Landpachten. Auch wenn es ruhig darum geworden ist: Linden labs gibt es immer noch und deren virtuelle Welt ebenfalls. Sie wurden in 2020 von einer Investorengruppe gekauft, der die meisten Quellen allerdings unterstellen, dass sie vor allem Interesse an dem Zahlungsdienst Tilia motiviert hat, den linden labs 2019 gegründet hat. Ob sich das VR-Spiel-Business je besonders gelohnt hat, ist kaum in Erfahrung zu bringen, da nicht börsennotiert und berichtspflichtig. Unterschiedliche Quellen mutmaßten zuletzt über alle Geschäftsbereiche hinweg Jahresgewinne im unteren bis mittleren zweistelligen Millionenbereich. Die Mitarbeiterzahlen sollen je nach Quelle irgendwo zwischen 250 und 350 liegen.

Auch jenseits von Gaming und Handel mit allem, was man nicht unbedingt braucht, kommen solche virtuellen Welten bekannt vor: In der Industrie ist es seit vielen Jahren üblich, vor dem Bau einer teuren Fabrik einen digital Twin zu bauen, der dabei hilft, teure Fehler wie kollidierende Roboterarme zu vermeiden. Auch von augmented reality bei der Wartung von Industrieanlagen haben wir schon öfter gehört.
 

Was ist neu am Metaverse?

Zum einen ist die Technik nicht stehen geblieben. AR und VR (augmented und virtual reality) sind weitergekommen und schneller geworden, so dass fotorealistische Darstellungen in quasi-Echtzeit heute besser und über größere Nutzerzahlen skalierbar sind, NLP (natural language processing) ist dank KI so gut geworden, dass Mehrsprachigkeit lösbar scheint. Und nicht zuletzt ist Blockchaintechnologie ausreichend reif, dass alle neueren Plattformen ihre eigene Kryptowährung haben. Letztere kann man auch außerhalb der Metaversen in andere (Krypto-) Währungen wechseln. Handelbare virtuelle digitale Güter können mit NFT (non fungible token, auf derselben Blockchain) als Unikate markiert werden, die nicht kopierbar sind und weniger leicht gestohlen werden können.

Weniger hat sich übrigens bei den Endgeräten getan, die das neue Nutzererlebnis transportieren sollen. Mikrofone und Headsets haben sich seit Anfang, Tastaturen und Bildschirme seit der Mitte und VR- und Shutterbrillen seit Ende des letzten Jahrhunderts kaum verändert. Vor etwas über 10 Jahren kamen noch Kinect und Co. dazu und auch bei Smartphones dürfte die einzige halbwegs relevante Innovation der letzten 10 Jahre der LIDAR-Sensor sein, den Apple seit kurzem verbaut. Gedankensteuerungen gehören nach wie vor eher in die Medizintechnik und haptische Bauteile eher in die Robotik und Telematik als in die aktuellen Metaverse-Visionen.

Technisch auf den Punkt gebracht: Darüber, dass KI, Blockchains und Extended Reality genauso dazugehören wie Plattformen als Betreiber und Unabhängigkeit von bestimmten Endgeräten, sind sich die meisten Metaversum-Kenner einig (4). Auch IoT und Geodatenverarbeitung werden häufig zusätzlich genannt (5). Einzelne Quellen legen sich sogar auf VR-Brille und Headset als Endgerät fest (1). Viel mehr ist noch nicht klar.

Zum anderen ist neu, dass die Betreiber von Metaversen inzwischen an sehr universellen Einsatz denken, wobei sie sich da im Detail durchaus unterscheiden. Die meisten „Päpste“ gehen davon aus, dass Metaversen das herkömmliche Web aus Konsole, Browser und Webseiten, die man liest, als universelle „Umgebung“ ersetzen werden, in der alle Nutzer agieren. Die meisten Propheten gehen auch davon aus, dass die Metaversen unterschiedlicher Anbieter vernetzt sein werden wie heute das WWW und dadurch letztlich tatsächlich das eine Metaversum bilden. Um den Begriff „Web 3.0“ streitet man sich noch, z.B. mit der Ethereum-Fraktion, die mit ihren DAOs und Smart Contracts den Begriff ebenfalls in Anspruch nimmt. Die meisten Autoren in Trend- und Technikjournalen sind sich auch einig, dass das Rennen um die Pfründe, wer als Plattformbetreiber zur nächsten Generation von Hyperscalern aufsteigt oder in dieser Liga bleibt, gerade erst begonnen hat. Neben dem social media Giganten, der jetzt Meta Platforms heißt, sind die Namen Microsoft, Epic Games, The Sandbox, Decentraland, Ubuntuland (= africarare), Mozilla Box oder Boson häufig zu lesen (6). Von vielen weiteren hört man gelegentlich. Auch von ersten digitalen land grabs also spekulativen Landaufkäufen in größerem Stil auf den neuen Plattformen Decentraland, Sandbox und ubuntuland ist zu lesen (7). Neben Banken wie JPMorgan oder HSBC werden hier PWC, die Regierung von Barbados, MTN (eine Telefongesellschaft), Samsung oder Snoop Dogg (ein Hiphopper) als Akteure genannt.

Kommt das? Und wenn ja, dann wann?

Wie immer bei dieser Frage: Weder ich noch die Technologiestiftung können in die Zukunft sehen. Die Kristallkugel wurde mit dem letzten Faxgerät verschrottet und Anlagetipps geben wir schon gar nicht.

Es spricht manches dafür, dass wir solche Metaversen sehen werden. Wenn gleich mehrere Weltunternehmen angekündigt haben, dass sie solche schaffen werden, darf man davon ausgehen, dass das auch passiert. Ob diese dann so groß und allumfassend und so nützlich sind, wie die Protagonisten des Hypes erwarten, ob sie wirklich ein einziges Metaversum bilden, oder ob das doch höchst diesseitige Produkte wie Datenräume, Clouds und soziale Medien mit schickerer Userexperience werden, wird man sehen. Dafür, dass Metaversen immerhin umsetzbar sind, spricht second life: Auf Basis des der von unterschiedlichen Quellen gemutmaßten Personalbestands von linden labs kann man abschätzen, dass second life mit 100 bis 150 IT-Fachkräften betrieben wird. So viele Entwickler:innen dürfte jeder der Kandidaten haben. Dafür spricht auch, dass die Technologien im online gaming und in Teilen der Industrie längst bewährt und im Einsatz sind, ohne dass je einer dieser Protagonisten vom Metaversum gesprochen hätte. Auch dass Gamer, wozu wohl ein erheblicher Anteil der erwachsenen Bevölkerung gehört, in-game-Käufe und virtuelle Welten längst gewohnt sind und Spaß daran haben, könnte die Etablierung solcher Plattformen erleichtern.

Es spricht aber auch einiges dafür, dass noch eine ganze Reihe Hemmnisse und offener Fragen dem entgegenstehen: Praktisch alle der unten genannten Quellen weisen auf eine ganze Reihe eher dystopischer Erwartungen hin, zu deren Vermeidung mindestens eine ganze Reihe von Fragen zu beantworten sind – übrigens die ganzen alten Bekannten aus der Digitalisierung: Woher weiß ich, wem der Avatar wirklich gehört? Wie soll Schutz vor Kriminalität in zumindest anscheinend rechtsfreien Räumen funktionieren? Wie gewährleistet man die IT-Sicherheit? Kann ich Assets und Kryptogeld wirklich in andere Welten mitnehmen? Wie sind meine Privatissimae gegen Ausspähung oder technische Unterlagen gegen Manipulation geschützt? Sollen wirklich private Betreiber via Hausrecht Recht sprechen oder die Geldpolitik regulieren? Wie werden virtuelle Einkommen zu realen und wie kassiert man Steuern darauf?

Ich bin da nicht unbedingt zuversichtlich. Daran, dass das NetzDG trotz der Gefahr, die Meinungsfreiheit zu beschränken, private Plattformen in Fällen von Hassrede und Co. bereits in die Rolle von Richtern gedrängt hat, haben wir uns ja fast gewöhnt. Wollen wir ausgerechnet diese Akteure etwa auch noch für Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit oder gar Datenschutz verantwortlich machen? Wohl kaum. Das könnte durchaus noch zum Risiko für die Verbreitung solcher Technologien werden. Das sagen sogar etliche der neuen Betreiber selbst und thematisieren ethische Regeln, codes of conduct oder Ähnliches (4). Matt Ball, McKinsey, äußert die Hoffnung, dass Nutzer wieder mehr Wert auf „trust“ legen, und nennt ausdrücklich Regulierungsansätze der EU zu Treibern und Software APIs als beispielhaft für eine Regulierung, die vorausschauend reguliert, statt eingetretene Probleme der Vergangenheit zu lösen (8).

Was ebenfalls etwas skeptisch stimmt, sind die Player, die das Metaverse vorantreiben wollen: Haben Großunternehmen, die in heftiger Konkurrenz eben noch alles daransetzen, ihre Plattformen zu Monopolen zu machen, indem sie die Ware user so intensiv wie möglich am Anbieterwechsel hindern, wirklich Interesse am Zusammenwachsen ihrer Welten entwickelt oder bleibt es dann doch bei mehreren konkurrierenden Metaversen? Wenn tatsächlich der Nutzer statt irgendwelcher Werbetreibenden die Miete zahlt, wäre das immerhin nicht völlig auszuschließen, würde mich aber wundern.

Wenn Ob, dann Wann und Wie: Die Gartner Group (5) empfiehlt ihren Kunden, Aspekte des Metaversums in Bezug auf die aktuellen Produkte zu untersuchen und in den kommenden zwei Jahren bei zurückhaltenden Investitionen den potenziellen Mehrwert für ihr Produkt oder dessen Nutzung zu bewerten. Bezüglich mittelfristiger Produkt-Roadmaps empfiehlt man, Wert auf Dezentralität, Kollaborativität und Interoperabilität zu legen, da dies zentrale Aspekte eines vollständigen Metaversums sind. Man geht davon aus, dass ca. 1/3 der weltweiten Organisationen in 2026 Produkte oder Dienstleistungen hat, die „ready for metaverse“ sind. Auf Seiten der Plattformanbieter erwartet Gartner bis 2024 erste Produktansätze. Ein vollständiges, anbieterunabhängiges, interoperables und endgeräteunabhängiges Metaversum erwartet man etwa um 2028. Das McKinsey Global Institute legt sich hier weniger mit konkreten Zeitangaben fest, sondern verweist auf Beispiele, die es längst gibt (Fabrikplanung, Pilotenausbildung, 2,5D-Bilder auf Verkaufswebsites, … ), und auf Ideen für nächste Schritte. Ohne genauere Zeitangabe wagt man die Prognose, dass sich bis zu 20% der Lebens- bzw. Aktivitätszeit von Menschen in Zukunft ins Metaversum verschiebt (9). Zumindest darüber gehen die Ansichten weit auseinander: Während Philip Rosedale, der second life – Gründer, inzwischen davon ausgeht, dass Menschen in solchen Räumen dauerhaft gar keine Zeit verbringen wollen (10), und Philip Pramer, Journalist, die Metaverse-Vision als „Die Zukunft von gestern“ bezeichnet (11), geht Richard Gutjahr, Journalist, davon aus, dass man künftig fast dauerhaft in einer Hybridwelt aus Metaverse und analoger Welt leben wird (12).

Was heißt das für Berlin?

Ob Unternehmen Produkte für ein Metaverse entwickeln, bleibt eine unternehmerische Entscheidung. Die Kompetenzen bei KI, insbesondere Sprach- und Bilderkennung, Blockchain-Basistechnologien, IoT und Datenanalyse und außerdem im Bereich von Medien und Design sind zumindest vorhanden. Davon, dass Unternehmen dieser Bereiche das Thema Metaverse kennen, ist auszugehen. Unternehmen, die physische Anlagen oder Bauteile herstellen, dürften entsprechende 3D-Modelle oder gar (virtuell) funktionale digital twins ihrer Produkte längst haben, weil die Kunden das fordern, und deshalb zumindest gut gerüstet sein. Auch bei Konsumgüterherstellern und im Handel sind virtuelle Welten als Vertriebswege durchaus bekannt.

In der Bildung und Hochschullehre sind VR-Anwendungen ebenfalls bekannt, obwohl auch dort bisher niemand vom Metaversum gesprochen hat. Für die Ausbildung von Hubschrauberpiloten oder Kristallographen sind sie sicher verbreiteter als in der Grundschule. Für Bildungsforscher bietet das Thema auf jeden Fall einen Forschungsgegenstand mit vielen Facetten, vermutlich auch für einzelne Technikwissenschaften. In den genannten Ausbildungs-Beispielen sind solche Umgebungen eher Arbeitsmittel, die mit größerer Verbreitung erfreulicherweise preiswerter werden.

Zu Nutzungsmöglichkeiten durch die Zivilgesellschaft fällt mir wenig ein: Natürlich werden Vereine oder Aktivist:innen in einem Metaversum präsent sein (müssen), wenn es denn eines gibt, bei dem sich der Aufwand lohnt. Sinngemäß das selbe dürfte für Parteien oder Bürgerbüros von Abgeordneten gelten.

Am skeptischsten bin ich hinsichtlich der Nutzung durch die Exekutive. Wenn ein Metaversum erfolgreich ist, wird man vermutlich irgendwann auch einen Polizei- oder Feuerwehrnotruf dort schalten. Aber spätestens bei Verwaltungsakten, die Bürger bevor- oder benachteiligen, sehe ich noch einen langen Weg: Auch wenn mit der Digitalisierung langsam erste Schritte zur Lösung in Sicht oder bereits in Funktion sind, gibt es heute noch jede Menge Leistungen, zu denen ich persönlich zum Amt muss, damit die Behörde sich davon überzeugen kann, dass sie es wirklich mit mir zu tun hat. In einer virtuellen Welt wird das aber zweiseitig: Da werde auch ich erst Wege lernen müssen, wie ich herausfinde, ob in dem virtuellen Rathaus auch wirklich das echte Bezirksamt drin ist. Das wird dauern. Im Übrigen sehe ich auch nicht, was ich vom Treffen mit einem Avatar des Bezirksamtes habe. Beim ditigalen Antrag sehe ich das schon. Etwas zuversichtlicher bin ich bei Planungsprozessen. Wer Bürgerbeteiligung mit Minecraft hinbekommt (13), schafft das auch in anderen virtuellen Welten.

 

FAZIT

Ob man das Metaversum nun für eine Transformation hält, wie sie alle 15 Jahre vorkommt (8), oder für ganz normalen IT- oder social media-Fortschritt in Form neuer Userexperience mit aufgeblasenem Marketing (ich) oder für den gescheiterten Versuch, mit einer neuen Story seinen Aktienkurs zu retten (14), mag jeder selbst entscheiden. Ich hoffe, dieser Blog erleichtert es, die richtigen Fragen zu stellen.

Meine Skepsis soll selbstverständlich niemandem VR-Anwendungen schlechtreden. VR ist eine etablierte und in vielen Anwendungsfeldern bewährte Technologie.