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  • Thema Neue Technologien

„Ich bin ein unverbesserlicher Optimist“

  • Rubrik Interview
  • Veröffentlichungsdatum 05.10.2007
Frauke Nippel

Von A wie Abwasser bis Z wie Zoologie: Der Treffpunkt WissensWerte, den die Technologiestiftung gemeinsam mit Inforadio veranstaltet, hat schon viele Wissenschaftsthemen aufgegriffen und deren Relevanz für Berlin gezeigt. Seit 2002 moderiert der Wissenschaftsjournalist Thomas Prinzler die Sendung, seit 2018 auch die „kleine Schwester“ Soup & Science, die Berliner Wissenschaftlerinnen und ihre Arbeit vorstellt. Jetzt geht Thomas Prinzler in den Ruhestand. Ein guter Zeitpunkt, um mit einem gut Informierten zurückzuschauen und einen Blick in die Zukunft zu werfen.

2001 haben Inforadio und Technologiestiftung, damals gemeinsam mit der Investitionsbank Berlin, den Treffpunkt WissensWerte ins Leben gerufen. Man wollte den Berliner:innen ihre Wissenschaftseinrichtungen und die Potenziale bewusst machen, die damit für die Stadt verbunden waren. Wissenschaft im Radio: Die kam damals kaum vor. Können Sie sich an die Ausgangssituation erinnern?

Thomas Prinzler: Vor 20 Jahren kam einiges zusammen. Zum einen hörten wir immer wieder aus den Wissenschaftseinrichtungen, vor allem vom Standort Adlershof, die Klage, dass man nicht hinreichend wahrgenommen werde. Es tat sich schon sehr viel in der Stadt, es gab die ersten hidden champions, die oft aus den Forschungslaboren heraus sehr innovative und erfolgreiche Unternehmen gegründet hatten. Aber solche Entwicklungen waren noch nicht im allgemeinen Bewusstsein angekommen. Die Menschen beschäftigten sich vor allem mit den Auswirkungen des Strukturwandels, den Berlin nach der Wiedereinigung zu bewältigen hatte.

Auch beim rbb spielten Wissenschaftsthemen lange Zeit eine eher untergeordnete Rolle. Es gab OZON, ein Umweltmagazin, dass sich dann langsam zum Wissenschaftsmagazin entwickelte, denn Wissenschaft wurde plötzlich wichtig. Die wissenschaftliche Entwicklung schien geradezu zu explodieren: Das menschliche Genom wurde entschlüsselt und die Perspektiven waren riesig. Gleichzeitig war klar, dass mit den neuen Möglichkeiten auch viele Fragen verbunden waren und dass man die Gesellschaft bei der weiteren Entwicklung würde mitnehmen müssen. Das ging natürlich nicht in den bekannten universitären Formaten. Man muss anders kommunizieren. Aber wie? In den angelsächsischen Ländern war man, was Wissenschaftskommunikation anging, deutlich weiter. Traditionell werben die dortigen Universitäten Mittel ein, waren es also gewöhnt, ihre Forschung auch für Laien verständlich zu kommunizieren. Dort war man auch bereit, diese Entwicklung weiter zu treiben. Es gab bereits PUSH*-Initiativen (= public understanding of science).

Kann man sagen: In Deutschland gab es viel guten Willen, aber kaum Formate für Wissenschaftskommunikation?

Thomas Prinzler: Ja, wir vermissen heute in der Pandemie Formate wie Science Slams oder die Lange Nacht der Wissenschaften. Wir finden Wissenschaftspodcasts ganz normal. Das sind alles relativ neue Formate, die erst mal entwickelt werden mussten. Auch die Wissenschaftler:innen mussten viel lernen. Wissenschaft unterhaltsam zu vermitteln, war im Studium kein Thema und lag nicht allen.

Es gab aber natürlich Naturtalente und auch viele Wissenschaftler:innen, die aus den USA Erfahrungen mit Wissenschaftskommunikation mitbrachten. Vor allem waren auch die ersten Erfahrungen vieler Wissenschaftler:innen mit PUSH sehr positiv. Ich weiß noch, wie verwundert und begeistert viele waren, als sie das große Interesse der Besucher:innen bei der ersten Langen Nacht der Wissenschaften erlebten. Es hatte vielen Wissenschaftler:innen richtig Spaß gemacht, mit den Leuten über die eigene Forschung zu sprechen. Sie waren bereit, diese Gespräche weiterzuführen und ins Rampenlicht zu treten. Heute ist es vergleichsweise einfach, Wissenschaftler:innen zu einer Radiosendung einzuladen und sie zu bitten, allgemein verständlich über ihre Forschung zu sprechen.

Bevor man zu sehr ins Schwärmen kommt, muss man auch sagen: Bei allem Fortschritt werden Ausflüge in die Wissenschaftskommunikation auch heute noch nicht immer von allen im akademischen Umfeld positiv gesehen. Es fördert wissenschaftliche Karrieren bis heute nicht, wenn man einfach und unterhaltsam über Forschungsthemen sprechen kann, auch wenn wirklich unumstritten ist, dass Wissenschaft der breiten Öffentlichkeit gegenüber eine Verpflichtung hat, die Arbeit vorzustellen und Ergebnisse zu vermitteln.

Was denken Sie denn, was die Wissenschaftler:innen uns in den nächsten Jahren vermitteln werden?

Thomas Prinzler: Mich erinnert die jetzige Situation ein bisschen an die Zeit vor 20 Jahren. Ich befürchte, die Menschen wollen zu schnell zu viel von der Wissenschaft – immer wieder. Vor 20 Jahren ging es um das menschliche Genom, das Buch des Lebens, jetzt ist dreht sich alles um die Künstliche Intelligenz. Ich denke, wissenschaftliche Erkenntnisse brauchen ihre Zeit.

Zurzeit gibt es viele kleine Fortschritte, um Künstliche Intelligenz immer leistungsfähiger zu machen, aber wir stehen noch ganz am Anfang der Entwicklung und ich glaube, das große Ganze ist noch nicht erfasst. Ich fände es schade, wenn sich Enttäuschung breitmachen und Ängste entwickeln würden. Denn ich bin ein unverbesserlicher Optimist: Es ist bisher immer nach vorne gegangen, die Menschen haben Lösungen für ihre Probleme gefunden, immer wieder hat die Wissenschaft ganz maßgeblich zu diesen Fortschritten beigetragen und wird das auch weiterhin tun.

Der Treffpunkt WissensWerte ist eine gemeinsame Veranstaltung der Technologiestiftung Berlin und Inforadio (rbb). Alle vergangenen Sendungen können hier nachgelesen und als Podcast hier angehört werden.

In Kooperation mit:

Treffpunkt WissensWerte

Die Veranstaltungsreihe zu aktuellen Technologiethemen. In Kooperation mit Inforadio (rbb).